Als Grundlage für unsere Darstellung haben wir folgendes Regelwerk. Ein solches Regelwerk ist natürlich niemals starr und unterliegt einer ständigen Weiterentwicklung.

Lex Authentika

Qualitätsmaßstab für Reenactment und Living-history im Hochmittelalter (1099-1298)

Im Rahmen dieses Werkes ist ein Original ein Gegenstand, der nach dem Stand der Wissenschaft, genau einem Gegenstand entspricht der zur dargestellten Zeit verwendet wurde. Dabei müssen insbesondere Herstellungstechnik, Material, Form und Gestaltung einem zeitgenössischen Gegenstand genau entsprechen.

Die Notwendigkeit der Authentizität endet da, wo die Gesundheit und/oder Sicherheit von Personen gefährdet wird oder geltendes Recht verletzt wird.

1. Sensorische und funktionelle Authentizität im Rahmen der üblichen Verwendung
D.h. ein Gegenstand muß sich so anfühlen, so aussehen, so riechen, so schmecken und sich so anhören wie ein Original außerdem muß er seine Funktion erfüllen. Dabei muß als Maßstab für die Wahrnehmungsgrenze die übliche Verwendung des Gegenstandes gelten. Ein Gewand muß zwar für den Betrachter so aussehen und sich so anfühlen wie ein Original, aber es kann z.B. auf der Innenseite, wo es üblicherweise dem Betrachter verborgen ist, mit der Nähmaschine genäht sein. Außerdem muß ein Gewand nicht so schmecken und (schon gar nicht!) so riechen wie ein Original. Auch kann ein Gambeson statt mit Hanf oder Wolle auch mit Polyesterwatte gepolstert sein, da es das Aussehen und Anfühlen des unzerstörten Gambesons nicht beeinflusst (Aber glaubt mir, ein Gambeson aus Wolle trägt sich erheblich angenehmer!!!).

2. "Look-alike" Gegenstände
Bei vielen Gegenständen (insbesondere Schmuck etc.) liegen häufig nur einzelne Funde oder Belege vor. Um eine unrealistische Einseitigkeit der Darstellung zu vermeiden ist die Verwendungen von Gegenständen die in Stil, Ausführung und Material dem Geist und der Technik der Zeit entsprechen zulässig. Als Beispiel sei hier der einzige vollständige Männergürtelbeschlag aus der 1. Hälfte des 13. Jhds. genannt (Salzburger Fund). Damit nicht alle Männer von Stand dieser Zeitperiode denselben Gürtelbeschlag tragen (der zudem noch einen eigenen Typus verkörpert), sind hier „Look-alike-Gegenstände“ zulässig.

3. Quellenlose Gegenstände
Hierbei handelt es sich um Gegenstände, für die keine bildlichen oder Fund-Qellen vorliegen, deren Existenz aber gesichert ist. Hier muß mit Sorgfalt recherchiert und experimentiert werden um Aussehen und Funktion mit zeitgemäßen Mitteln zu rekonstruieren.
Solche Gegenstände sind nur mit Vorbehalt und nach eingehender Prüfung zulässig.

4. Rollenspiel
Im Rahmen der Darstellung wird erwartet, dass eine Rolle auch entsprechend gespielt und verkörpert wird. Ein reines zur Schau stellen von Ausrüstung ist unerwünscht. Wer eine Rolle mit seiner Ausrüstung darstellt muß sie auch, insbesondere im sozialen Kontakt mit Anderen, spielen.

5. Ausnahmen
Ausgenommen von der Regelung sind (kleine) Kinder, da es nicht zuzumuten ist jährlich neue Kinderkleidung anzufertigen und es auch keinen Sinn macht Kinder zum mitmachen zu zwingen (Allerdings machen Kinder meistens gerne mit...).
Weiterhin ausgenommen sind medizinische Hilfsmittel aller Art (Brillen, Krücken, Rollstühle etc.), auch wenn diese wo möglich durch nicht sichtbare (Kontaktlinsen) oder zeitgemäße (Holzkrücken) ersetzt werden sollen..

6. Anfängerregel
Wer Ausrüstungsgegenstände verwendet, die nicht diesen Qualitätsansprüchen genügen, kann trotzdem an einer Veranstaltung teilnehmen, wenn diese Gegenstände das Bild der Veranstaltung nicht stören. Er ist aber dazu angehalten die entsprechenden Gegenstände, in einem angemessenen Zeitraum (meist 2 Jahre), durch authentische Gegenstände zu ersetzen.

7. Konsistenz
Alle Ausrüstungsgegenstände einer Person müssen regional und zeitlich miteinander korrespondieren. D.h. daß alle Gegenstände im Rahmen eines normalen Lebenslaufes in den Besitz der Person gekommen sein müssen. Üblicherweise kann man hierfür einen zeitlichen Rahmen von ca. 50 Jahren annehmen. In Einzelfällen können Wertgegenstände aber über Generationen vererbt und daher wesentlich älter sein.Offensichtlich neuere Gegenstände sind grundsätzlich ausgeschlossen.

8. Soziale Stellung
Zu einer dargestellten sozialen Position gehört immer auch ein gesellschaftlicher Rahmen. Dies ist insbesondere bei der Darstellung von Personen von Stand wichtig.
Die Darstellung einer Person von Stand ist nur mit angemessenem Gefolge möglich. So wird z.B. von einem Grafen erwartet, dass er in der Regel nicht ohne ziviles und militärisches Gefolge reist.


Copyright: Burkhart Schaffrath, Dickenschied 2004